reichsgrundung1871wer in geschichte aufgepasst hat erinnert sich vielleicht: der erste deutsche nationalstaat wurde, nach dem erfolgreichen krieg gegen frankreich 1870/71, 1871 in versailles proklamiert. diese reichsgründung kam, gerade für eine der großen europäischen mächte, sehr sehr spät – außer den italienern waren eigentlich alle großen europäischen volksgruppen bereits sehr viel früher in nationalstaaten geeint:

  • england, schottland und wales waren sogar schon noch weiter und offiziell seit 1707 bereits die “vereinigten königreiche von großbritannien”, de facto aber bereits seit der personalunion 1603
  • frankreichs termin ist streitbar, aber 925 wäre nennbar, da damals was westreich umbenannt wurde und ab da frankreich “nur noch” von franzosen bewohnte gebiete hinzufügen musste
  • spanien 1479 mit der hochzeit der katholischen könige isabella I von kastilien und fernando II von aragon
  • russland könnte 1478 nennen, als iwan III sich erstmals “zar und selbstherrscher aller russen” nannte
  • dänemark kann beanspruchen, dass bereits im sechsten jahrhundert fränkische quellen von einem dänenkönig im norden sprechen
  • schwedens krone entstand zwischen 1000 und 1300 während der christianisierung schwedens, 1350 kann als abschluss dieses prozesses gesehen werden als der schwedische könig genug macht hatte ein einheitliches gesetzt zu erlassen

mitte des 19ten jahrhunderts waren es also eigentlich nur italien und deutschland, welche weiterhin als, noch fürs mittelalter typischer, flickenteppich kleiner staaten geteilt war.

die zeit des risorgimento mit viktor emanuel II von sardinien-piemont und guiseppe garibaldi mündete in die errichtung des italienischen nationalstaates im jahre 1861, auch wenn einige italienische gebiete bis zum ende des ersten weltkrieges auf ihre befreiung aus der habsburger okkupation warten mussten.

in deutschland dagegen bestand zu diesem zeitpunkt weiterhin die frage welche der zwei deutschen großmächte die führungsrolle übernehmen würde: im deutschen raum gab es mit österreich und preußen direkt zwei mächte, welche als europäische großmächte angesehen werden konnten, und eine großdeutsche lösung, also alle deutschen gebiete inklusive österreich (ohne ungarn) hätte weiterhin den kampf um den führungsanspruch zwischen diesen gegensätzlichen mächten als problemherd gehabt, ebenso wäre ein solcher machtblock für die anderen europäischen mächte niemals akzeptierbar gewesen. die kleindeutsche lösung, also ohne österreich-ungarn, hätte dagegen nur preußen als taktgeber haben können und zumindest die einigung deutschlands für die anderen europäer leichter akzeptabel gemacht. man schaue sich nur die karte des deutschen bundes an, ein geeintes reich von holstein bis zur adria, von danzig bis straßburg – das europäische gleichgewicht wäre für alle zeiten dahin gewesen! von den habsburger besitzungen in ungarn und den hohenzollerischen in preußen wollen wir gar nicht reden, und deutsche ansprüche in den beneluxstaaten aus dem mittelalter lassen wir auch lieber schnell unter den tisch fallen.

der deutsche bund

der preußische sieg im deutschen krieg 1866 gab preußen genug macht um den deutschen bund aufzulösen und somit de facto österreich aus deutschland rauszuwerfen. dies ebnete den weg für die kleindeutsche lösung, welche nach dem deutsch-französischen krieg 1870/71 tatsächlich wahr wurde. nur in der zeit des nationalsozialismus, nach dem anschluss österreichs ans deutsche reich 1938, gab es eine kurze zeit die grodeutsche lösung, nach der deutschen niederlage im zweiten weltkrieg wurde dieses wieder rückgängig gemacht. bis auf die ehemaligen ostgebiete und elsass-lothringen kann man nach der wiedervereinigung 1990 könnte man heute wieder von einer kleindeutschen lösung sprechen.

die große frage, warum deutschland und italien erst so spät diesen weg gingen, oder gehen konnten, ist schwierig zu beantworten. meiner meinung nach, gibt es dafür äußere und innere gründe: italien war lange zeit spielball anderer europäischer mächte; sei es frankreich, österrerich, spanien, sie alle hatten interessen, und vor allem auch große territorien in italien. lange konnte keiner der italienischen kleinstaaten groß und mächtig genug werden, um dies zu unterbinden und die staaten zu einigen. in deutschland gab es auch solche zeiten, nach dem 30jährigen krieg beispielsweise spielten die schweden eine wichtige rolle im reichsgebiet, aber österreich und preußen waren im 19ten jahrhundert stark genug so etwas zu verhindern. aber in deutschland gab es, bis zu seiner auflösung 1806, ja das heilige römische reich deutscher nation, und da es diesem nie gelungen war eine erbmonarchie zu werden hatte es nie die möglichkeit gehabt sich in einen nationalstaat zu wandeln. außerdem waren einige teilstaaten dieses reiches einfach zu mächtig um beispielsweise zu akzeptieren, dass ihre nicht-deutschen besitzungen von ihnen getrennt werden hätten müssen, um einen nationalstaat zu bilden – österreich-ungarn und preußen hätten dies nie akzeptiert. erst als der hemmschuh heiliges römisches reich entfernt war, konnte überhaupt eine lösung für die deutsche frage in sicht kommen.