harvey_milk

bisher hätte ich die frage, ob sean penn jemals einen guten film gemacht hat, mit einem “nicht dass es mir bekannt wäre” beantwortet, seit wenigen tagen ist dies anders. ich habe mir die englische version des filmes milk angesehen, welcher 2009 zwei oscars gewinnen konnte, wohl zurecht, wie ich nach dem film finde. es gab für mich zwei bezugspunkte, warum ich interesse an diesem film fand: vor jahren habe ich die ersten zwei staffeln von morgan spurlocks 30 days gesehen, und in einer folge wird ein heterosexuelles amerikanisches “landei” aus dem bible belt, welches nie kontakt zu schwulen hatte, für 30 tage bei einem homosexuellen in castro, san francisco einquartiert; eine wirklich interessante geschichte, bei welcher man zusehen kann wie sich sein horizont erweitert und seine vorurteile selbst abbauen muss, einfach weil sie jetzt zum ersten mal mit der realität konfrontiert werden. die beeindruckenste stelle war eine diskussion über schwule im militär, welche er zuerst ablehnte, auf die frage seines mitbewohners ob er auch ein problem damit haben würde wenn sie beide in einer einheit dienen würden aber zugeben muss, dass er, weil er ihn gut kennt, mit ihm nicht nur kein problem haben würde, sondern ihn sogar gerne an seiner seite wüsste. letztes jahr sah ich dann im fernsehen eine dokumentation über harvey milk, welche aufgrund von milks zeit in castro auch mein interesse geweckt hatte und genau angesehen wurde – ich gehörte also zur vermutlich relativ kleinen zahl der heterosexuellen deutschen, welche vor dem film bereits etwas mehr über harvey milk wussten, wenn auch, in meinem fall, nur recht lückenhaft. zumindest aber weniger lückenhaft als die deutsche wikipediaseite zu harvey milk, welche erschreckend inhaltslos ist.

der eigentliche film ist eingebettet in einen rahmen, an anfang und ende des filmes sieht man nämlich wie harvey milk in seiner küche eine tonbandaufnahme macht, welche nur im falle seiner ermordung gehört werden soll und in welcher er seine zeit als politischer aktivist für schwulenrechte rekapituliert; und scheinbar nicht nur ein mittel der regie, es gab scheinbar tatsächlich solche aufnahmen von harvey. als er sein bisheriges leben verändern will, in welchem er seine homosexualität versteckte, zieht er nach san francisco und eröffnet ein fotogeschäft in castro, welches sich aber immer mehr zu einem treffpunkt der schwulenbewegung wird. besonders als harvey mehrfach versucht in politische ämter gewählt zu werden wird er immer mehr zur zentralen figur der schwulenbewegung castros. in mehreren bundesstaaten der usa gibt es zu diesem zeitpunkt politische versuche die bürgerrechte von homosexuellen einschzuschränken, und harvey organisiert gegendemonstrationen. als die wahlbezirke in san francisco geändert werden schafft es harvey milk in den stadtrat, und wird damit zum ersten schwulen der usa, welcher seine sexuelle ausrichtung öffentlich machte und trotzdem (in den usa ja eine verwunderliche sache) gewählt wurde. im amt allerdings gab es probleme mit dem stadtrat dan white, welcher in einem irisch (katholisch) geprägten stadtbezirk gewählt worden war. eben jener dan white, welcher später harvey milk und den bürgermeister erschoss. in der nacht nach den morden fanden sich 25-40tausend demonstranten auf den strassen von san francisco, um ihre bestürzung auszudrücken. dan white verteidigte sich vor gericht damit, dass er eigentlich ein guter kerl sei, und deshalb nur im affekt töten konnte. daneben sagte ein psychater aus, dass dan white aufgrund von zuviel junk food nicht wirklich zurechnungsfähig gewesen sei. dan white wurde zu gerade mal 7jahren8monaten verurteilt, was zu den großen ausschreitungen der schwulenbewegung in san francisco führte, den “white night riots”. harvey milk ist noch heute eine ikone der amerikanischen schwulenbewegung.

zum film muss man sagen, dass sean penn eine wirklich erstklassige leistung abliefert, man nimmt ihm die verschiedenen milks prima ab, vom verklemmten angestellten des anfangs über den kindlich ausgelassenen bürger san franciscos der endlich sein leben lebt, bis zum seine bürgerrechte verteidigenden aktivisten und politiker. aber auch neben der schauspielerischen leistung kann der film überzeugen, so ist das drehbuch wirklich in der lage trotz der starken ermordungs-andeutung am anfang über die ganze filmlänge spannung zu erzeugen – und es ist herrlich zu sehen wie leute in den 70ern rumliefen, die kostüme sind absolut geil gemacht. und mit englischen untertiteln ist auch die amerikanische sprache kein wirkliches hindernis den film so zu sehen, wie er gemacht wurde.

bestimmt kein film für die ganze familie, und auch nicht für die schnelle unterhaltung nach einem harten arbeitstag, aber wenn man anspruchsvolles kino sucht, ist milk eine gute wahl.

übrigens, die dead kennedys haben eine version von “i fought the law” eingespielt, welche sich etwas von versionen von the clash und co abheben. ihre interpretation dreht sich um dan white, den mörder von harvey milk, und hat als refrain “i fought the law, and i won”: