skinheads – die ursprünge und wurzeln

der robert von spontis ist ein an subkulturen interessierter mensch, und so verfasste er im sommer 09 einen beitrag über doc martens, immerhin kultschuhwerk in gleich mehreren jugendbewegungen. dass bei einem solchen artikel skinheads ihren platz haben müssen ist klar, allerdings gab es vermutungen roberts zur entstehung dieser subkultur, welche ich nicht so stehen lassen konnte, immerhin stellten klaus farin und eberhard seidel-pielen in ihrem buch skinheads eine detailierte, und ganz andere entstehungsgeschichte vor. da das buch von vielen seiten hoch gelobt wird aufgrund seiner fundierten und objektiven darstellung, robert aber nicht vorliegt (dabei ist der aktuelle preis bei amazon ganz ok, ich hab damals 17,80dm bezahlt für die originalausgabe), sagte ich zu die zusammenhänge kurz aufzuführen, was ich, etwas verspätet, dann hiermit tun möchte:
gesellschaftliche situation:
nach dem zweiten weltkrieg, in den 50- und 60ern, gab es auch in großbritannien einen wirtschaftlichen aufschwung, durch welchen zwei entscheidende vorraussetzungen für die entstehung der skinheads aufkamen. zum einen schaffte nun eine größere zahl den aufstieg aus der unterschicht ins kleinbürgertum, zum anderen wurden viele alte arbeiterviertel saniert, und damit für reichere menschen wieder interessant, das ergebnis war eine verknappung des billigen wohnraums. und diesen wohnraum teilte sich die britische unterschicht mit einwanderern aus den kolonien, aus indien, pakistan und der karibik, aber alle blieben trotz der räumlichen nähe ziemlich unter sich, das heute beliebte wort parallelgesellschaften kommt in den sinn. die alten arbeiterviertel mit ihrem zusammengehörigkeitsgefühl zerstört, einige alte bekannte an die mittelschicht “verloren” – wundert es dass die jugend der zurückgebliebenen neuen zusammenhalt sucht und trotzigen stolz auf ihre proletarischen wurzeln darstellt?
die ahnentafel:
arbeiterjugendliche in aller welt waren es, welche ab den 50ern den rock´n´roll zum welterfolg machten. es ist egal ob man teddyboys oder rocker betrachtet, ihre ursprünge kommen aus der unterschicht. deshalb wundert es auch nicht dass die mods, welche in england ab anfang der 60er die teddyboys beerbten, neben northern soul auch ska hörten (zum ska später mehr). die mods verstärkten einen aspekt der teddyboys noch weiter, auch sie versuchten ihre wurzeln der arbeiterklasse zu verstecken, man wollte mittelschichtig wirken! vespas, cocktails, maßanzüge und markenkleidung waren angesagt – und schlägereien mit den proletarischeren rockern! eben diese randale, welche die englische presse zu einem bürgerkrieg hochstilisierte, waren dann auch die eigentliche geburtsstunde der skinheads, auch wenn man sie noch nicht so nannte. viele mods nervten die ewigen randale an, sie schafften entweder den absprung in richtung universität oder heirateten und wurden “normal”. was übrig blieb waren die sogenannten hard-mods, diejenigen die es nicht in die mittelschicht schafften, denen der teure lebensstil der mods eh immer etwas zu teuer war, die ein gutes bier einem cocktail vorzogen, die gerne in fussballstadion gingen, und die vor allem die randale mochten!
1968/69 bildete sich immer mehr eine neue subkultur aus diesen hard-mods heraus: kurze haare, welche bei den schlägereien praktisch waren, ebenso praktisch wie die arbeitsstiefel mit stahlkappen, welche nun nicht mehr nur in der fabrik getragen wurden. dazu domestos-jeans, hosenträger und ben sherman-hemden! george marshall wird zitiert mit den worten “angezogen auf der höhe der mode der arbeiterklasse warst du bereit, die welt zu erobern”. man ging zusammen ins stadion oder einen trinken, und stand zusammen wenn es zu schlägereien kam.
hier, bei den skinheads, war genau das zu finden, was ich weiter oben beschrieb: zusammenhalt und stolz auf die working class wurzeln!
musik und rude boys:
bei den mods war er bereits aufgetauscht, der ska! und während kultbands der mods wie “the who” sich auch immer mehr von der wirklichkeit der arbeiterjugendlichen entfernte, blieb der ska seinen ursprüngen treu. jetzt die gesamte entstehungsgeschichte des ska aufzurollen wäre ein etwas großer exkurs, welcher sich eher für einen eigenen beitrag anbietet, beschränken wir uns also auf seine entwicklung in großbritannien. 1964 hatte millie small mit “my boy lollipop” einen nummer 1 hit in großbritannien, ein lied welches schon ziemlich richtung ska getrimmt war.
aber es blieb, trotz weiterer versuche von millie small und anderen künstlern wie jimmy cliff, derrick morgan oder den skatalites, der einzige erfolg des ska zu dieser zeit. aber zwei gruppen griffen zu bei den scheiben aus jamaika, die sogenannten “rude boys”, gangs von einwandererjugendliche aus jamaika, und die mods, beziehungsweise später skindheads. viele der frühen ska-alben (von schwarzen künstlern!) haben positive lieder über skinheads in ihren rillen, und es war nicht unüblich dass in den anfangsjahren skinheads und rude boys gemeinsam loszogen – man lebte in den selben heruntergekommenen vierteln, hörte die selbe musik, man kam aus der selben schicht/klasse – und stand auf randale! gemeinsam machte man jadg auf hippies, studenten, und asiatische einwanderer aus indien und pakistian – das sogenannte “paki-bashing”. so negativ dies zu sehen ist, man kann es (noch?) nicht ganz in die rassistische ecke schieben, wie bei hippies und studenten wurden auch die asiatischen einwanderer eher aufgrund ihrer klassenausrichtung zum opfer der proleten: die asiatischen einwanderer orientierten sich in richtung mittelschicht, integrierten sich im gegensatz zu den karibischen einwanderern weniger in die britische arbeiterklasse.
politik:
damit sind wir bei dem thema angekommen, welches ich extra ans ende setze, und am liebsten ausgelassen hätte, aber die geschichte der skinheads macht einem dies ja unmöglich. in den anfangsjahren der skinheads in den 60ern wurde ein thema immer mehr in den britischen fokus gerückt: das sogenannte “einwanderungsproblem”. durch die gesamte gesellschaft ging eine hysterie, und somit leider auch durch ein paar kurzhaarige arbeiterjugendliche. und es ist halt sehr viel medienwirksamer wenn ein gruppe skins einwanderer zusammenschlägt als wenn ein firmenchef seine mitarbeiter mit migrationshintergrund (wie es heute so toll heisst) schlechter behandelt und bezahlt als die einheimischen. oder ein paar betrunkene stammtischopas darüber lallen dass das “ausländerpack weg muß”.
keine frage, die skins waren, trotz mit der schwarzen ska-musik, nicht die multikulturelle avantgarde englands, unter ihnen gab es, wie in allen englischen schichten, mehr als genug leute bei denen die saat des rassenhass auf fruchtbaren boden fiel – und das mittel dieser rechten skins war nuneinmal die gewalt – und das zog andere rechte an! es ist nicht so dass die skins alle rassisten wurden, aber einige rassisten wurden skinheads! das harte, martialische auftreten, die gewalt und die aus beidem resultierende medienaufmerksamkeit brachte leute dazu sich als skinheads bezeichnen, die mit namen wie “laurel aitken”, “desmond dekker” oder “doreen shaffer” nichts mehr anfangen konnten, für die leute wie enoch powell helden waren.
das bild der skinheads in der öffentlichkeit war zementiert, und das bis heute!
als kurzer hinweis nochmal, die inhalte des beitrages sind nur meine zusammenfassung der erkenntnisse der o.g. autoren in o.g. buch! wer filme bevorzugt, dem sei mein beitrag über den film “this is england” ans herz gelegt!




vor circa 2 jahren
Besten Dank für diese Aufklärung! Auch dass My Boy Lollipop Ska ist – das macht dieses Genre doch nochmal sympathischer
PS: seit wann sieht es denn hier so schnieke aus?
vor circa 2 jahren
Ein wirklich toller Beitrag! Ich habe auch noch weitere Quellen dazu gelesen und meine These über die “Gegenbewegung” verworfen und sie gegen etwas passenderes ausgetauscht. Es ist und bleibt schwer etwas abschließend und allumfassend zu beschreiben, gerade wenn es sich dabei um so komplexe Gebilde wie Jugendkulturen handelt.
vor circa 2 jahren
@julia: bitte gerne, das buch liefert da wirklich interessante einblicke. “my boy lollipop” ist auf alle fälle schon schwer nah dran am ursprünglichen ska aus jamaika, mal sehen, vielleicht gefällt dir da ja noch mehr wenn ich meinen artikel über ska fertig habe.
das neue theme ist ein fundstück meinerseits am sonntag, und ich probier aktuell ein wenig damit rum.
@robert: danke für die blumen. das mit dem schwer habe ich beim schreiben dieses beitrages auch germerkt, immer wieder hat man noch interessantes was rein könnte (und für etwas umfassendes auch müsste), und immer wieder muss man abwägen was noch rein kann und was nicht.