victoria 2 coverarteigentlich wollte ich diesen artikel schon einige zeit schreiben, der erste anlauf datiert noch aus dem august diesen jahres. das problem ist dummerweise das spiel selbst, und sein hoher wiederspielwert, denn immer wenn ich mir gedanken machte wie ich euch das spiel beschreiben könnte, kamen mir dabei immer wieder strategie-ideen, welche natürlich sofort ausprobiert werden mussten, und schon spielte ich wieder anstatt zu schreiben.

victoria2 ist wohl am besten als ahistorische strategiesimulation zu bezeichnen, man startet am 01. januar 1836, mit einem land seiner wahl, wobei jedes land spielbar ist, welches zu diesem zeitpunkt existierte. wer also gerne die zeit des imperialismus als nachfolger des legendären zulu-königs “shaka zulu” durchleben will, kann dies ebenso probieren wie südseefanatiker versuchen können atjeh im heutigen indonesien vor den niederländischen kolonialisten zu schützen. ich muss zugeben, so große herausforderungen wie diese zwei länder habe ich noch nicht angegangen, und ich glaube auch meine fähigkeiten reichen dafür (noch) nicht wirklich aus, bisher habe ich mich meist an die großen nationen wie preussen, österreich, frankreich oder russland gehalten, aber auch schweden und kolumbien habe ich bereits probiert.

aber aufgrund der ahistorischen ausrichtung des spieles macht es halt auch immer wieder sinn eine nation zu spielen, welche man bereits gespielt hat. am starttag beginnt man mit einer ziemlich genauen ausgangssituation, aber ab da kann alles passieren! mit welchen nachbarn werden grenzkonflikte auftreten, welche mir einen guten vorwand für eine invasion geben, und wann? wird einer meiner gegner irgendwann durch einen großen volksaufstand so geschwächt werden, dass er nicht in der lage ist meine aktionen zu behindern? ich versuche mal kurz, das anhand meines letzten (und noch laufenden) spieles als preussen zu erklären:

preussen ist am anfang des spieles gespalten, die provinzen an Rhein und Ruhr haben ebensowenig eine landverbindung zum preußischen hauptland und damit der hauptstadt wie die hohenzollerischen stammlande im würtembergischen raum. also begann ich bereits im jahr 1836 mit dem ersten schritt zur gründung des norddeutschen bundes, dem angriff auf dänemark um die mehrheitlich von deutschen bewohnten gebiete im raum des heutigen schleswig-holsteins preußen hinzuzufügen, und dänemark zu zwingen seinen einfluss auf holstein aufzugeben. der krieg lief etwas besser als ich gedacht hätte, und so konnte ich die gesamte kimbrische halbinsel gewinnen. die nächsten jahre galt es dann diplomatisch hannover aus der britischen, und sachsen aus der österreichischen einflusszone zu lösen, und der eigenen zuzufügen, denn für die gründung des norddeutschen bundes müssen alle vorwiegend norddeutsch bewohnten gebiete im eigenen land oder der eigenen einflusszone liegen. in den 1840ern endlich zum norddeutschen bund geworden konnte es daran gehen österreich zu zwingen auf seine deutschen verbündeten im süden zu verzichten und von frankreich alsaß-lothringen zu gewinnen. gegen ende der 1860er war auch dies erfolgt, und deutschland konnte gegründet werden.

entgegen meiner normalen strategie hatte ich ein paar änderungen vorgenommen: ich wandelte die verfassung schnellstmöglich in richtung einer repräsentativen demokratie, um die liberalen mundtot zu machen, aber auch wirtschaftlich gabs was neues zu probieren, nachdem ich gelesen hatte dass russland in dem zeitraum eigentlich keine steuern einnahm und seine ausgaben nur durch zölle wieder reinzubekommen versuchte; nahezu die gesamte zeit wurden in meinem staatsgebiet keine steuern erhoben, dafür aber extrem hohe zölle erhoben. finanziell war das tatsächlich machbar, und sorgte für mehrere positive effekte:

  • für die grundsicherung der bevölkerung waren die bodenschätze und agrarmöglichkeiten meiner gebiete immer ausreichend, und auch um grundlegende industrie aufzubauen. aufgrund der nicht erhobenen steuern hatte die bevölkerung auch jeweils das geld um sich zu versorgen, erst wenn luxus aus dem ausland besorgt werden musste wurds teuer.
  • aufgrund der hohen einfuhrzölle auf importierte waren die heimischen produkte sehr viel günstiger, was die inländische wirtschaft natürlich stärkte. dadurch wurde der nachteil der hohen importpreise für aus dem ausland stammende produktionsmittel und rohstoffe doch ziemlich wieder wett gemacht.

auch hatte ich, ganz im sinne des historischen bismarcks, im krieg gegen österreich darauf verzichtet land zu fordern, meine übliche forderung böhmen in den norddeutschen bund zu integrieren, was tatsächlich dafür sorgte dass österreich die folgenden jahre nicht, wie sonst üblich, immer wieder gegen mich zu felde ziehen wollte. zwar versuchte ich nicht meinen diplomatischen einfluss zu nutzen die beziehungen zu verbessern, was historisch ja der fall war, aber wir hatten eine art friedliche koexistenz gefunden. die von frankreich geholte provinz sorgte leider im westen für ein weniger ruhiges leben, alle paar jahre will frankreich das elsaß zurück, und holt sich eine blutige nase – mal zwinge ich sie einen freien katalanischen staat aus ihrem staatsgebiet loszulösen, mal müssen sie mir ein paar afrikanische kolonien abtreten, wobei ich mich inzwischen frage ob ich auch auf der seite hätte ruhe haben können, wenn ich ihnen direkt bei beginn des ersten rückeroberungskrieges die gewünschte provinz gegeben hätte, das hätte mir ruhe gegeben russland ein wenig zu verkleinern, welches für seine wirtschaftliche stärke militärisch äußerst schwach ist.

wie auch immer, ich hatte also anfang der 1870er ein vom elsaß bis ostpreussen und von bayern bis an den skagerag reichendes, demokratisches deutschland, dessen prestige, wirtschaft und militär es zu einer der 5 bedeutendsten mächte der welt machte. zeit sich um ein paar kolonien mit interessanten rohstoffen zu bemühen, und äthiopien war gerade durch einen krieg mit ägypten militärisch geschwächt und diplomatisch isoliert, also das perfekte opfer! und nach dem erfolgreichen krieg war dies mein ausgangspunkt für eine massive kolonialisierung des afrikanischen kontinents.

inzwischen bin ich im jahre 1920 angekommen, und gerade die kolonialisierung ist stark vorangekommen… seht ihr, kaum geht es um vic2 gehen die pferde mit mir durch, und ich fange an zu schwärmen. vermutlich wegen der unzähligen möglichkeiten, und entsprechenden folgen. wenn ich beispielsweise steuern erhebe, kann ich dies staffeln für 3 berufsgruppenunterschiedene bevölkerungsklassen, und schon da entscheidet sich viel, wie ich das spiel spielen will, denn welche klasse soll die hauptlast tragen? in der niedrigsten klasse sind fabrikarbeiter, bauern und soldaten, gruppen die ich für meine industrialisierung und kriegsführung defintiv massenhaft brauchen werde, es wäre also sinnvoll diese gruppen nicht zu stark zu belasten damit sie sich vermehren und meine landgüter, fabriken und kasernen füllen. und vielleicht schaffts ja auch ein nachbar oder zwei nicht, das leben so angenehm zu machen wie ich, und ein paar leute wandern von dort aus zu mir (obwohl auswanderung halt auch vom sehr stark vom stand der politischen und sozialen reformen abhängen). die mittelschicht mit handwerkern, angestellten, offizieren, bürokraten und bildungsbürgern ist aber halt auch sehr wichtig, immerhin führen sie meine armeen und fabriken, produzieren im land seltene waren und sorgen für eine gute verwaltung und bildung im lande. die dritte gruppe, die aristokraten und kapitalisten aber bauen fabriken und eisenbahnlinien, will man ja auch gerne haben. und wenn ich z.b. die steuern für die klasse der reichen stark erhöhe im vergleich zur mittelschicht, welcher erfolgreiche handwerker will dann schon seine kleine manufaktur aufgeben, in eine fabrik umwandeln und damit die höheren steuern zahlen? im gegenteil, es wird eher eine bevölkerungsbewegung hin zur mittelschicht geben, und ich werde nur sehr langsam industrialisieren können. es sei denn, ich habe eine partei mit staatskapitalistischer gesinnung im amt, dann kann ich fabriken und eisenbahnen ja selbst bauen, allerdings wird die bevölkerung dann auch immer liberaler, aufgrund der gestiegenen bevölkerungsanteile in der mittelschicht, und wenn ich dann nicht mehr drumrumkomme und wahlen abhalten muss, wird mir meine staatskapitalistische partei die wahl verlieren und meine wirtschaft zusammenbrechen, oder zumindest kein wachstum mehr haben.

und diese ganzen überlegungen drehten sich ja fast nur um wirtschaft, steuern und bevölkerung, die fragen der forschung, der politik, des krieges und der kolonien sind ja (fast) gar nicht beachtet hierbei. aber ich hab eh keine zeit mehr, die idee mit dem staatskapitalismus und den hohen steuern für reiche muss ja ausprobiert werden!